Kleine Chronik

Die Gründer des „Merkur“ waren Franz de Angelis und Friedrich Grupe, beide Kaufmannsgehilfen. Sie musizierten anfangs im Duo. Weitere Musiker schlossen sich ihnen an und diese Ensemble nannte sich ab dem Jahr 1884 „1. Wiener Neustädter Merkurkapelle“. Mit dem Namen wollten sie auf ihren Beruf hinweisen.

Das erste eigene Konzert fand am 14. Oktober 1893 in der Dreher'schen Bierhalle statt. Dirigent war damals Ferdinand Wollner. Die Bekanntheit verbreitete sich rasch. Bald spielt die Merkurkapelle zwischen Baden und Gloggnitz an den verschiedensten Orten.

1895 trat die Kapelle als Damenkapelle auf. Die Geheimhaltung der wahren Identität hat offensichtlich bestens funktioniert. Eine „Geigerin“ zog wegen ihres „offenherzigen“ Kleides die Blicke vieler Männer auf sich. Die Demaskierung brachte großes Erstaunen und Erheiterung.

Der Merkur als Damenkapelle
Der Merkur als Damenkapelle verkleidet

Die offizielle Anmeldung bei der Vereinsbehörde erfolgte am 1. Jänner 1899. Es sollten sehr bewegte Jahre folgen. Allen Krisen zum Trotz konnte der Verein immer wieder fortgeführt werden.

Am 6. November 1909 feierte der Verein im Hotel „Goldener Hirsch“ mit einem Festkonzert das 25jährige Bestandsjubiläum.

Ehrenmitglied Ernst Netsch komponierte für diesen Anlass den Wollner-Marsch und den Marsch „Allzeit getreu“. Ernst Netsch war ein Gründungsmitglied. Im Jahr 1903 wurde er von den Wiener Symphonikern als Oboist engagiert.

Nur ein Jahr nach diesem Jubiläum war der Verein von einer großen Krise bedroht: Die Gläubiger wollten ihre Forderungen durch den Verkauf des Vereinsarchivs decken. Die Mitglieder beglichen schließlich mit ihren Privatmittel die Verbindlichkeiten.

Ferdinand Wollner, Inhaber eines Transportunternehmens, war von 1893 bis 1913 Dirigent und Vorstand des Merkur. Sein Unternehmen erstand einen neuen, großen Wagen. Wollner setzte sich in den Kopf, die erste Ausfahrt mit den Mitgliedern des Merkur zu machen. Die Chronik berichtet davon, dass das Treiben auf dem Wagen sehr lustig und musikalisch war. Die Pferde eines entgegenkommenden Gespanns scheuten. Der neue Wagen war zum Zweck des Transportes von Spiegeln mit einer eigenen Ebene unterhalb des eigentlichen Plateaus ausgerüstet. Einige Mitglieder mit zu hohem Spiegel haben darauf die Heimreise von Piesting aus angetreten.

Emmerich Sommer trat die Nachfolge Wollners als Dirigent an. Es war aufgrund des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918) eine traurige Situation. Die Zahl der aktiven Mitglieder sank auf den Tiefsstand von sechs ab. Dennoch gab es in dieser Zeit Aufführungen für karitative Zwecke.

Nach dem Ersten Weltkrieg ging der Vereinsbetrieb zur zaghaft weiter. Dennoch wirkte der Merkur bei den Parkkonzerten mit (1912 bis 1935).

Das 40jährige Jubiläum wurde mit einem Festkonzert im Brauhofsaal gefeiert. Ein berittener Herold lud zum Konzert.

Der Herold
Herold auf Pferd mit Bläsern

1935 wählten die Mitglieder Karl Mohr zum Vorstand. Er wurde zum wichtigsten Chronisten des Vereins. Er verfasste eine zweibändige Chronik, die er mit Zeichnungen und Malereien ausschmückte.

Während des Zweiten Weltkriegs waren die Vereinsaktivitäten wieder auf karitative Konzerte beschränkt. Rudolf Schubert gab eine Vereinszeitung heraus, um den Kontakt zu den eingerückten Vereinsmitgliedern aufrecht zu erhalten. Gegen Ende des Krieges waren nur mehr sieben aktive Mitglieder übrig geblieben. Man nannte sie „Bombentrotzer“.

“Als am 13. August 1943 der erste Bombenangriff auf Wr.-Neustadt erfolgte, wurde der Grossteil der Instrumente und Noten zum Gastwirt Schwarz in der Neunkirchnerstrasse (Neuwirtshaus-Neunkirchner-Allee) verlagert. Ein kleiner Kreis von Getreuen kam trotz grösster Schwierigkeiten immer wieder zusammen. Mohr, Binner, Hirczy, Schekulin, Bendek, Ployer, Schubert, Gricar, Hittinger, Teichtinger, die Bombentrotzer genannt, liessen es sich nicht nehmen, wöchentlich eine, wenn auch noch so bescheidene Probe abzuhalten.”

Das obige Zitat lässt auf eine reine Männergesellschaft schließen. Allerdings ist mit "Bendek" Anna Bendek und mit "Hittinger" Gretl Hittinger genannt.

TeilnehmerInnen einer Probe 1942
Bild Merkur im Jahr 1942

Das Material war vor dem Bomben sicher. Allerdings ging sehr viel davon in der Besatzungszeit verloren.

Die Stadt war nach dem Bombenkrieg devastiert. Dennoch gab es im Juli 1945 die ersten Versuche, den Verein wieder zu reaktivieren. Dank der Willensstärke der Mitglieder Wodrada, Schekulin und Liebhart lebte der Verein wieder auf. 1947 wirkte der Merkur bei einer Weihnachtsfeier mit. 1948 wurde ein Probenlokal gefunden und etwa 25 Mitglieder spielten mit. In der Besatzungszeit (1945 – 1955) wirkte der Merkur bei zahlreichen Wohltätigkeitskonzerten mit.

1959 fand unter der Leitung von Hans Schekulin das Festkonzert zum 75jährigen Jubiläum statt. In den nachfolgenden Jahren bildeten Konzerte in der Waldschule, im Stadtheim und im Landespflegeheim den Rahmen der Aktivitäten.

In der Zeit von 1972 bis 1974 verstarben die Aktivisten Karl Mohr, Hans Schekulin und Wenzel Wodrada. Doch durch den Einsatz von Alfred Birkner (Obmann) und Gustav Bauer sen. (Dirigent) konnte auch diese Krise bewältigt werden. Im Jahr 1974 fand in St. Peter an der Sperr das Konzert zum 90jährigen Jubiläum statt. Gustav Bauer sen. reformierte die Probenarbeit nachhaltig.

1980 übernahm Gustav Bauer jun. von seinem Vater die Dirigentenfunktion. Es folgte eine Epoche der Verjüngung und Erweiterung des Orchesters. Ab 1983 wurden die Martinikonzerte in Neudörfl, jeweils in der zweiten Novemberwoche, zum Fixpunkt im Merkur-Arbeitsjahr.

1984 fand im Sparkassensaal das Konzert zur 100. Wiederkehr der Vereinsgründung statt. In einem Festgottesdienst wurde das Te Deum von Rudolf Rudolz aufgeführt. Daraus entwickelt sich eine mehrjährige Zusammenarbeit mit dem Domchor unter Josef Döller und später Albert Mülleder. Diese Projekte waren auch für Sänger und Sängerinnen außerhalb des Domchores offen. Daher wurde die Bezeichnung „Vereinigte Chöre Wiener Neustadt“ verwendet.

In dieser Reihe wurde 1985 im Stadttheater die Chorfantasie von Ludwig van Beethoven, 1986 im Sparkassensaal zwei Ausschnitte aus Wagners Fliegender Holländer, 1987 im Dom die Festmesse und das TeDeum von Rudolf Rudolz und 1989 das Te Deum vom M.A. Charpentier aufgeführt.

Im Sommer 1988 legte Gustav Bauer aus beruflichen Gründen die Dirigentenfunktion zurück. Die beiden Herbst-Konzerte in Neudörfl und Sollenau leitete Mag. Gottfried Wiesbauer. Mit Willibald Zwittkovits jun. konnte ein hervorragender Dirigent gefunden werden. Die Zukunft des Vereins war gesichert.

Willibald Zwittkovits war damals auch Leiter der Marktmusikkapelle Bad Fischau-Brunn. Daher waren Kooperationsprojekte der beiden Gruppen naheliegend. 1991 wurde das erste Open Air-Konzert im Brunner Steinbruch unter dem Motto "Symphonic Rock Highlights" aufgeführt. 1992 war im Sparkassensaal ein Remake dieser Produktion. Es folgten weitere Open Air-Konzerte 1995, 1998, 2003 und 2012 in Bad Fischau-Brunn.

1994 begann eine weitere Novität: Auslandstourneen. Die erste Auslandstournee führte eine kleine Besetzung des Orchesters durch Nord-und Süddakota (USA). 1997 folgte Australien, 2001 China, 2005 Dubai und 2012 wieder China.

Seit 1996 spielt der Merkur jährlich am 6. Jänner im Steinfeldzentrum in Breitenau ein Neujahrskonzert.

Seit dem 1. Jänner 2000 veranstaltet der Merkur alljährlich ein Neujahrskonzert in Wiener Neustadt.

2014 wurde gemeinsam mit dem BORG-Chor und einem Ensemble von Vokalsolisten ein Auszug aus Jesus Christ Superstar im Dom zu Wiener Neustadt aufgeführt. Die Sopranistin Marika Ottitsch verband eine beeindruckende Selektion mit Texten aus dem Johannes-Evangelium. 2017 wurde dieses Konzert in der Pfarrkirche Perchtoldsdorf wiederholt.

2018 wirkte der Merkur beim Konzert „Music – Greatest Love“ im Kultursaal Vösendorf mit. Wir begleiteten Angie Gruber bei diversen Hits.

Am 29. Juni 2019 bot uns die Theresianische Militärakademie Wiener Neustadt die Möglichkeit, in der Georgskirche ein Konzert zu veranstalten. Thema: Die Welt der Musik in Bewegung.

Am 1. August ereilte uns die Nachricht, dass unsere Konzertmeisterin Angelika Petritsch am Vortag in Namibia bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Seit Ihrer beruflichen Rückkehr nach Wiener Neustadt war Angelika Petritsch beim Merkur als Geigerin tätig und übernahm nach kurzer Zeit die Position der Konzertmeisterin. Wir haben eine exzellente Musikerin und einen liebenswürdigen Menschen verloren.